Symphonie Nr. 1 Es-Dur op. 2
Titel: "Symphonie Nr. 1 Es-Dur op. 2"
Vorwort
Als junger Komponist war Saint-Saëns einer der führenden Vertreter der fortschrittlichen Tendenzen in der französischen Musik. Seine Komponistenkarriere in Frankreich verlief eher ungewöhnlich, denn Saint-Saëns Werke entsprachen nicht dem französischen Geschmack jener Zeit, der vor allem die Oper in das Zentrum stellte. Die Symphonische Musik hingegen war nur eine Randerscheinung. Daher war seine Musik eher in Deutschland (wo sich vor allem Franz Liszt für ihn einsetzte), als in Frankreich erfolgreich. Am Ende seines langen Lebens sah man ihn zunehmend als Traditionalisten und Gegner der Moderne, was leider häufig zu einer Fehleinschätzung seiner Musik führte. So wird diese in Riemanns Musiklexikon folgendermaßen charakterisiert: "In seinen Werken, in denen er sein großes Können mit kühler Strenge und Eleganz verbindet, treten formale und technische Eigenschaften stark in den Vordergrund".
Obwohl die Oper im Zentrum des französischen Musiklebens stand und das Komponieren von Sinfonien nur wenig Aussicht auf Erfolg bot, schrieben drei der bedeutendsten französischen Komponisten zur gleichen Zeit Werke dieser Gattung: Bizet komponierte seine C-Dur Sinfonie (1855), Gounod zwei Sinfonien (beide ebenfalls 1855) und Saint-Saëns sogar fünf Beiträge, inklusive zwei zu Lebzeiten nicht publizierte, nämlich die Sinfonie in A-Dur (1850) und in F-Dur (1856).
Die Inspiration hierzu boten die Konzerte der "Société des Concerts du Conservatoire". Hier wurden vor allem Werke deutscher und österreichischer Komponisten aufgeführt, legendär die zahlreichen Aufführungen der Sinfonien Beethovens. Doch die Aussichten als französischer Komponist mit einer Sinfonie Erfolg zu haben waren gering. Saint-Saëns schrieb in seinen Portraits et Souvenirs: "Die feine Gesellschaft fiel vor der italienischen Musik auf die Knie (…). Für den Normalbürger, das eigentliche Publikum, gab es nichts außer der französischen und komischen Oper".
Die Erste Sinfonie in Es-Dur, op.2 schrieb Saint-Saëns 1853 im Alter von 18 Jahren. Sie ist somit, in der Reihenfolge der Entstehungszeiten, die zweite seiner insgesamt fünf Sinfonien und gehört zum Frühwerk des Komponisten. Trotzdem lässt sich Saint-Saëns' Kompositionsstil schon im ersten Satz deutlich erkennen. Das Werk steht allerdings, ebenso wie die Symphonien oben erwähnter Kollegen auch, in der klassischen Tradition Haydns, Mozarts und Beethovens, abgesehen von der extrem größeren Orchesterbesetzung: Piccoloflöte, zwei Querflöten, zwei Oboen, zwei Klarinetten, Bassklarinette, vier Fagotte, vier Hörner, zwei Trompeten, zwei Kornette, zwei Saxhörner, drei Posaunen, zwei paar Pauken, Becken, vier Harfen und Streicher.
Schon bei dieser Sinfonie lassen sich Saint-Saëns typische Stilmittel beobachten, so zum Beispiel das Umdeuten des motivischen Materials der langsamen Einleitung, einen punktierten Quartsprung abwärts, zum Thema des Kopfsatzes, oder das Wiederaufgreifen der Einleitung zu Beginn der Durchführung wie auch als Versatzstück zwischen Durchführung und der Reprise. Auch zeigen sich hier typische stilistische Merkmale eines Organisten, wie Generalpausen und Orgelpunkte. Der zweite Satz stellt ein Scherzo mit zwei nicht deutlich voneinander abgesetzten Trios dar. Dieser Satz kam bei der Uraufführung so gut beim Publikum an, das er wiederholt werden musste. Das gedehnte und reich orchestrierte Adagio erinnert an den dritten Satz Adagio espressivo der zweiten Sinfonie von Robert Schumann. Da der Satz im Sonatensatz komponiert ist, wird zahlreichen Modulationen Raum gelassen. Das Finale der Sinfonie enthält ein weitreichendes Fugato als Steigerungselement und wird unterstützt durch eine erweiterte Orchesterbesetzung; als Vorbild dafür könnte Beethovens Fünfte Sinfonie in Frage kommen. Das Fugato hat Ähnlichkeit mit dem Schlusssatz seiner eigenen dritten Sinfonie "Orgelsinfonie", die allerdings erst viel später entstand. Es treten immer wieder neue thematische Segmente hinzu, die den Umfang des krönenden Ausklangs rechtfertigen sollen.
Saint-Saëns legte das Werk nach der Fertigstellung der Société Sainte-Cécile als "Werk eines anonymen deutschen Meisters" vor. Die Société Sainte-Cécile war ihm wohlgesonnen durch seine kurz zuvor von ihnen ausgezeichnete Ode á Sainte Cécile. Der Name des Autors wurde auch bei der Uraufführung am 8. Dezember 1853 nicht genannt. Erst als diese ein Erfolg war, lüftete Saint-Saëns sein Inkognito. In Saint-Saëns eigenen Worten liest es sich so: "Damit das Komitee sie annähme, legte Seghers sie ihm als Sinfonie eines unbekannten Komponisten vor, die ihm aus Deutschland geschickt worden sei: Das Komitee schluckte die Pille. Die Sinfonie, die unter meinem Namen nicht einmal die Ehre einer Durchspielprobe erfahren hätte, schoss in den Himmel. Ich sehe mich noch nach der Probe, den Worten von Berlioz und Gounod lauschend: Sie beide, die mir sehr zugetan waren, unterhielten sich frei vor mir und erörterten die Qualitäten und Mängel der anonymen Sinfonie. Sie haben das tüchtige Werk ernst genommen, und natürlich habe ich ihre Worte aufgesogen"!
Dass er der Komponist des Stücks war, verwunderte zahlreiche Kollegen, die dahinter das Schaffen eines gestandenen Mannes vermutet hatten. Hector Berlioz wie auch Charles Gounod wurden nun zu Saint-Saëns' engagiertesten Beschützern. Gounod ermahnte ihn: "Du bist weit über dein Alter hinaus – mach weiter so, aber vergiss nie, dass du mit dieser Aufführung die Verantwortung übernommen hast, ein großer Meister zu werden." Die Sinfonie ist François Seghers, dem Dirigenten der Uraufführung, gewidmet.
Spieldauer: ca. 30 Minuten
Marcus Prieser 2025
Wegen Aufführungsmaterial wenden Sie sich bitte an Durand, Paris.
| Ausgabe: | Studienpartitur |
|---|---|
| Besetzung: | Orchester |
| Reihe: | Repertoire Explorer |
| Komponist: | Saint-Saëns, Camille |
| EAN: | 2560001542971 |
| Verlag: | Musikproduktion Jürgen Höflich - MPH |