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Faust-Ouvertüre op. 46 für großes Orchester

Titel: "Faust-Ouvertüre op. 46 für großes Orchester"

Emilie Mayer stellt in der deutschen Musikszene des 19. Jahrhunderts eine Ausnahmeerscheinung dar: Im 18. und 19. Jahrhundert verfestigt sich die Polarisierung der Geschlechterrollen; der Mann wird zunehmend dem öffentlichen Raum zugeordnet, die Frau dem privaten, und diese Einteilung wird immer mehr als naturgegeben betrachtet.1 Die gesellschaftliche Begrenzung weiblicher Handlungsspielräume setzt sich auch im musikalischen Bereich fort, wo Frauen kompositorisch meist auf kleinere, der häuslichen Sphäre zugeordnete Klavier- und Liedgattungen verwiesen werden. Auch von der im 19. Jahrhundert aufkommenden Genieästhetik werden Frauen systematisch ausgeschlossen; so seien die "Auswüchse des Geniekults […] dort zu finden, wo Frauen nichts zu suchen haben".2

Das Leben der unverheirateten sowie kinderlosen Emilie Mayer steht in deutlichem Gegensatz zum zeitgenössischen populären Frauenbild; dennoch gelingt es ihr, sich in der männerdominierten Musikszene durchzusetzen. Dieser Aufstieg zur professionellen Komponistin steht in besonderem Zusammenhang mit ihrem Umzug im Jahr 1847 nach Berlin; dort setzt sie ihre Studien fort und erhält Zugang zu einem Konzertwesen, das in Umfang und Qualität die musikalischen Möglichkeiten ihrer früheren Wohnorte Friedland und Stettin deutlich übersteigt.3 Im Jahre 1851 lässt sie sich erstmals selbstbewusst als "Componistin" ins Berliner Adressbuch eintragen und etabliert sich zunehmend im Berliner Musikleben.4

Dass Mayer trotz der verbreiteten Vorurteile gegenüber Frauen als Komponistin hohe Anerkennung erlangt, lässt sich unter anderem darauf zurückführen, dass ihr Komponieren vielfach als "männlich" empfunden wird. So schreibt der Musikkritiker Ludwig Rellstab über eine ihrer Sinfonien: "[E]s webt darin ein männlich-leidenschaftlicher Geist".5 Dieses "Männliche" spiegelt sich nicht zuletzt in Mayers Gattungswahl wider: Mit acht Sinfonien und mindestens fünfzehn Ouvertüren nehmen groß besetzte Orchesterwerke einen bemerkenswerten Platz in ihrem Œuvre ein.6

Zeitgenössische Kritiken betonen in diesem Sinne wiederholt die für eine Frau außergewöhnliche Beherrschung großformatiger musikalischer Formen. So heißt es etwa: "[H]ier zeigt sich uns ein weiblicher Componist, der nicht blos für das Pianoforte schreibt, sondern auch die schwierige, von tausend Geheimnissen wimmelnde Aufgabe der Orchestercomposition löst – und wie löst."7 Innerhalb dieser von Mayer bevorzugten Orchestergattungen nimmt die Ouvertüre eine besondere Stellung ein. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts emanzipiert sich die ursprünglich an Oper und Schauspiel gebundene Ouvertüre zunehmend zu einer eigenständigen Konzertgattung. Begünstigt wird diese Entwicklung insbesondere durch das bürgerliche Konzertwesen, in dem Ouvertüren nicht mehr ausschließlich als Einleitung dramatischer Werke dienen, sondern als eigenständige Konzertstücke aufgeführt werden. 8 Da sie im damaligen Konzertprogramm häufig die eröffnende Position einnehmen, steigt zugleich die Nachfrage nach musikalisch in sich geschlossenen Werken.9 Dabei reicht das Spektrum von sogenannten "reinen" Konzertouvertüren bis hin zu Werken mit außermusikalischem Sujet.10

Auch Emilie Mayer schließt sich dieser Entwicklung an, bezeichnet ihre Werke jedoch nicht ausdrücklich als "Konzertouvertüren", sondern schlicht als "Ouvertüren".11 Insgesamt komponiert Mayer wie beschrieben mindestens fünfzehn Werke dieser Gattung, wobei hiervon insgesamt nur fünf Werke erhalten sind. Die Standardbesetzung aus doppelt besetzten Bläserstimmen, Streichern und Pauken wird durch einen dreistimmigen Posaunensatz sowie in der Faust-Ouvertüre zusätzlich durch eine Tuba erweitert.12

Innerhalb von Emilie Mayers Ouvertürenschaffen ist die Faust-Ouvertüre op. 46 in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: Als einzige ihrer Ouvertüren basiert sie auf einem programmatischen Sujet; zudem erscheint neben der Orchesterfassung auch eine Bearbeitung für Klavier zu vier Händen. Die genaue Entstehungszeit der Faust-Ouvertüre lässt sich heute nicht mehr eindeutig bestimmen; da das Werk 1880 im Druck erschien, ist jedoch eine Entstehung um 1879 naheliegend.13 Konkrete programmatische Hinweise finden sich innerhalb der Partitur kaum; abgesehen vom Titel verweist lediglich die Bemerkung "Sie ist gerettet" gegen Ende des Werkes ausdrücklich auf den zugrunde liegenden Stoff und die mutmaßliche Beschäftigung mit Goethe.

Das vielfach rezipierte Faust-Material, deren bekannteste literarische Ausgestaltung Johann Wolfgang von Goethes zweiteiliges Drama Faust darstellt, kreist um den unbedingten Erkenntnis- und Erfahrungsdrang des Gelehrten Faust, der sich im Bund mit Mephisto auf die Suche nach den Grenzen menschlicher Existenz begibt. Einen zentralen Handlungskomplex des ersten Teils bildet zudem die tragische Beziehung zu Gretchen, die durch Fausts Begehren und Mephistos Einfluss in eine tragische Verstrickung gerät, am Ende jedoch Erlösung erfährt.14

Auch in der Musik erfährt der Faust-Stoff eine vielfältige Rezeption, die sich vor allem in Opern und Bühnenmusiken niederschlägt. Zu den vergleichsweise wenigen selbständigen Konzertouvertüren zu diesem Thema zählt insbesondere Richard Wagners Faust-Ouvertüre. Eine mögliche Vertrautheit Emilie Mayers mit diesem Werk lässt sich jedoch nicht mit Sicherheit feststellen, zumal zwischen beiden Kompositionen kaum musikalische Berührungspunkte erkennbar sind.15 In diesem Zusammenhang erscheint eine Bemerkung aus ihrem Nachruf in der Neuen Berliner Musikzeitung aufschlussreich, wonach ihr "die neudeutsche Richtung […] nicht sympathisch war".16 Dies fügt sich in das Bild einer Komponistin, deren ästhetische Orientierung weniger auf musikalischen Fortschritt als vielmehr auf die fortwährende Rückbesinnung an die als mustergültig verstandene kompositorische Traditionen gerichtet war.17 Es lässt sich also vielmehr eine konservative kompositorische Haltung erkennen; vor diesem Hintergrund erscheint ihre Distanz zur sogenannten Neudeutschen Schule – jenes auf ästhetischen Fortschritt gerichtete Umfeld um Berlioz, Liszt und Wagner18 – nachvollziehbar.

Wie zahlreiche Ouvertüren Emilie Mayers öffnet auch die Faust-Ouvertüre mit einer langsamen Einleitung. Deren dunkler, suchender und drängender Charakter wird wesentlich durch eine überwiegend chromatisch geführte Melodik bestimmt. Auch harmonisch zeigt sich der Abschnitt außerordentlich beweglich: Die Haupttonart h-Moll wird im achten Takt lediglich kurz gestreift, bevor der weitere Verlauf erneut durch verschiedene tonale Bereiche führt; spannungsreiche Klänge prägen den Abschnitt dabei durchgehend.

In Takt 43 setzt das furiose Hauptthema des Allegro in der Haupttonart h-Moll ein. Ihm schließt sich ein kontrastierender Abschnitt in G-Dur an, der sich als Seitenthema deuten lässt und - sofern inhaltliche Bezüge zum Faust-Stoff angenommen werden - möglicherweise mit Gretchen in Verbindung gebracht werden kann. Nach einem choralartigen Bläsersatz wird dieses Thema erneut aufgegriffen und in eine überleitende Passage geführt, die sich als kurze Durchführung verstehen lässt. Mit der anschließenden Reprise des Hauptthemas tritt die Grundstruktur eines Sonatensatzes deutlich hervor; auch das Seitenthema kehrt in rekapitulierter Form wieder. Besonders bemerkenswert ist jedoch die veränderte Wiederkehr des Bläsersatzes im weiteren Verlauf: Er erscheint nun in H-Dur, im majestätischen Tutti-Fortissimo, wodurch der zuvor eher episodisch wirkende Abschnitt deutlich an Gewicht gewinnt. Nach einer erneuten Wiederkehr des zweiten Themas führt eine weitere verarbeitende Überleitung spannungsvoll zur Coda, in der schließlich auch das Hauptthema in H-Dur erscheint - an jener Stelle, die Mayer in der Partitur mit den Worten "Sie ist gerettet" versieht.

Chiara M. Rubino, 2026

Ausgabe: Studienpartitur
Besetzung: Orchester
Erscheinungsjahr: 2026
Reihe: Repertoire Explorer
Komponist: Mayer, Emilie
EAN: 2560001699934
Verlag: Musikproduktion Jürgen Höflich - MPH
Veröffentlichungsdatum: 01.06.2026